Hauptsache, gesund!

MÄDCHEN UND BUBEN IN DER GEHIRNFORSCHUNG

„Wird es ein Bub oder ein Mädchen?“ Das ist vermutlich die häufigste Frage, die einer werdenden Mutter gestellt wird. Warum interessiert uns das Geschlecht eines Kindes so stark? Und warum befriedigt uns die Antwort „Hauptsache, gesund!“ so wenig?

erschienen in: klein&stark, 2014 Nr. 1, Seite 26-29.

68 Prozent aller Schwangeren wollen das Geschlecht ihres Kindes schon vor der Geburt wissen. Dahinter steht die Erfahrung, dass die Männlichkeit oder Weiblichkeit einen Menschen mehr als alles andere prägt und sein Leben bestimmt: die Beziehungen, die Art der Kommunikation, die Rolle der Gefühle, Karriere, persönliche Interessen und nicht zuletzt die Gesundheit.

Der kleine Unterschied

Mädchen und Buben sind verschieden, das ist offensichtlich. Aber woher kommen diese Unterschiede? Sind sie angeboren oder im Laufe des Lebens erworben beziehungsweise anerzogen?

Als modern denkender Familienvater habe ich immer darauf geachtet, meine Kinder (zwei Mädchen und einen Buben) möglichst gleich zu behandeln und nicht in eine bestimmte Richtung zu lenken. Konstruktionsspiele wurden auch den Mädchen angeboten und der Sohn selbstverständlich dafür gelobt, wenn er einfühlsam reagierte.

Dementsprechend verblüfft war ich, als ich feststellen musste, mit welcher Begeisterung der Kleine bereits im Alter von vier Jahren bei der Renovierung des Hauses mit anpacken wollte, während sich seine Schwestern null dafür interessierten. Natürlich mag das damit zusammenhängen, dass Eltern niemals wirklich neutral sein können gegenüber dem Geschlecht ihrer Kinder, dass es eben Rollenbilder gibt, die die Kinder von Anfang an aufschnappen. Aber eine plausible Erklärung für jenes Ausmaß an Eifer bei handwerklicher Arbeit, die mein Sohn an den Tag gelegt hat, ist das nicht.

Stärken und Schwächen

Laut Statistik hat jedes Geschlecht spezifische Stärken und Schwächen: Buben zeigen zum Beispiel häufiger als Mädchen Verhaltensauffälligkeiten oder Entwicklungsprobleme, leiden viermal häufiger als Mädchen an Autismus, und weisen wesentlich öfter als Mädchen Aufmerksamkeitsdefizite, Hyperaktivität oder Legasthenie auf. Dagegen gibt es unter den Mädchen mehr depressive Symptome, Angstphänomene oder Ernährungsprobleme.

Buben sind um 73 Prozent öfter als Mädchen in Unfälle verwickelt und Opfer von Gewalt, abgesehen von sexuellem Missbrauch, der Mädchen genau so trifft. In der Schule haben die Mädchen aller Altersstufen bessere Noten als die Buben. Umso erstaunlicher ist es, dass sie im Erwachsenenalter noch immer weniger Geld verdienen als ihre männlichen Kollegen.

Herausforderungen

Im Verlauf ihrer Entwicklung muss sich jedes der beiden Geschlechter je eigenen Herausforderungen stellen. Die Buben sind statistisch gesehen am Anfang ihres Lebens verletzlicher. Sie entwickeln sich langsamer, werden öfter krank und tun sich schwerer, jene Fähigkeiten zu erwerben, die in ihrer Schullaufbahn gefragt sind: Sprachkompetenz, Impulskontrolle und Feinmotorik.

Die Mädchen haben es dagegen in den ersten Lebensjahren leichter und treten mit der Pubertät in ihre verletzliche Phase ein. Jetzt erst verlieren sie an Selbstvertrauen, geben ihr Interesse für Mathematik und Naturwissenschaften auf und beginnen, ihre aufkeimende Weiblichkeit nach gängigen Schönheitskriterien zu messen und sich unterzuordnen. Später in der Welt der Erwachsenen müssen sie sich mit den Widersprüchlichkeiten herumschlagen, die sich zwischen beruflichen Ambitionen, dem traditionellen Frauenbild und der Mutterrolle ergeben.

Die Unterschiede zwischen den Geschlechtern mögen für sich betrachtet nicht besonders groß sein, aber sie addieren sich. Und sie stellen große Anforderungen an alle Eltern, die sich fragen: Wie können wir unsere Söhne und Töchter gleichermaßen unterstützen? Wie sie gleich behandeln, wenn ihre Bedürfnisse so offensichtlich auseinanderklaffen?

Was sagt die Gehirnforschung?

Die zentrale Frage ist: Woher kommen diese Unterschiede und sind sie biologisch bedingt? Anders formuliert: Sind männliches und weibliches Gehirn grundsätzlich verschieden? Manche Untersuchungen bejahen diese Frage, sind aber in ihrer Seriosität anzuzweifeln. Nüchtern betrachtet hat die Gehirnforschung nämlich nur zwei Tatsachen glaubhaft bewiesen:

Erstens: Das Gehirn von Buben ist größer als das der Mädchen, nämlich um 8 bis 11 Prozent, und zwar durch das gesamte Leben hindurch. Selbstverständlich geht diese Tatsache mit der größeren Körpergröße und einem Mehr an Körpergewicht der Buben vom Kleinkind- bis zum Erwachsenenalter einher.

Zweitens: Das Gehirn der Mädchen erreicht seine volle Größe ein bis zwei Jahre früher als das der Buben. Auch dieser Befund hat eine Entsprechung in den unterschiedlichen Entwicklungsphasen der beiden Geschlechter. Die Mädchen treten bekanntlich früher in die Pubertät ein als die Buben.

Die genannten Ergebnisse der Gehirnforschung sind seriöser Weise nicht dazu geeignet, alle Unterschiede zu erklären, die wir zwischen den Geschlechtern wahrnehmen. Die Gehirne von Buben und Mädchen sind sich viel ähnlicher, als die beobachteten Geschlechterunterschiede vermuten lassen. Noch eindeutiger wird die Sache, wenn man bedenkt, dass die meisten Ergebnisse der Gehirnforschung aus der Beschäftigung mit Erwachsenen gewonnen wurden, deren Gehirne schließlich mehrere Jahrzehnte an Lernen und Entwicklung hinter sich haben. Man kann daher nicht einfach behaupten, dass die aufgefundenen Unterschiede vom Lebensbeginn an vorprogrammiert sind. Populärwissenschaftliche Magazine behaupten das zwar gern, um beachtet zu werden, doch vom neurobiologischen Befund her sind Mädchen und Buben gar nicht so verschieden. Das mag unspektakulär klingen, kann aber unseren Blick auf ein viel spektakuläreres Ergebnis der Gehirnforschung lenken.

Entwicklungswunder Gehirn

Der entscheidende Beitrag der Gehirnforschung liegt meines Erachtens nicht darin, die Geschlechterunterschiede biologisch zu untermauern, was wie schon erwähnt nicht überzeugend gelungen ist, sondern in der ungeheure Formbarkeit, Regenerations- und Anpassungsfähigkeit des menschlichen Gehirns. Unser Gehirn verändert sich, wenn wir zu gehen oder zu sprechen beginnen, wenn wir uns an vergangene Ereignisse erinnern, wenn wir unsere Identität finden, wenn wir uns verlieben oder in eine Depression fallen. Und am wandlungsfähigsten ist das Gehirn gerade in der Kindheit. Mehr als in jeder späteren Lebensphase hat das kindliche Gehirn die Fähigkeit, sich zu verändern und weiter zu entwickeln. Das erwachsene Gehirn ist über weite Strecken das Ergebnis der Erfahrungen und Erlebnisse, die wir beginnend mit der pränatalen Phase bis ins Jugendalter hinein machen.

Vereinfacht könnte man sagen: Unser Gehirn ist das, was wir aus ihm machen. Jede Aktivität, sei sie auch noch so unscheinbar oder von kurzer Dauer, setzt Gehirnströme in Gang, die zu einer wachsenden neuronalen Vernetzung führen: lesen, laufen, lachen, rechnen, raufen, fernsehen, Wäsche bügeln, Rasen mähen, singen, weinen, küssen,… alles.

Lebenslanges Lernen

Wir können nach heutigem Wissensstand davon ausgehen, dass die auffälligsten Unterschiede zwischen Männern und Frauen erworben sind. Natürlich gibt es einige fundamentale Urinstinkte, die typisch sind für jedes Geschlecht und die auch die Gehirnfunktionen messbar beeinflussen. Jedes Kind kommt mit einer gewissen Anzahl an Genen und Hormonen zur Welt, die das andere Geschlecht nicht hat. Insgesamt aber passiert unsere Entwicklung vor allem durch den Austausch und die vielfältigen Interaktionen mit unserer Umgebung, die die Tätigkeit des Gehirns anregen, seine Kapazitäten erweitern und ausdifferenzieren. Angeborenes und Erworbenes, Natur und Kultur beeinflussen sich gegenseitig auf eine sehr komplexe Art und Weise.

Was wird aus unseren Kindern?

Von Natur aus lässt sich also kaum voraussagen, wie Mädchen oder Buben sich in ihrem Leben entwickeln, schon gar nicht in Bezug auf ein individuelles Kind. Die Zukunft unsere Kinder, Mädchen wie Buben, hängt wesentlich damit zusammen, in welcher Kultur sie aufwachsen. Und ich meine hier vor allem die Kultur unseres Umgangs mit Weiblichkeit und Männlichkeit. Je hartnäckiger wir auf den biologischen Unterschieden zwischen Frauen und Männern beharren, desto wahrscheinlicher ist es, dass sich diese Stereotypen im Selbstbild unserer Kinder festsetzen und sie im Aufwachsen mehr behindern als fördern. Wozu sich ein Mädchen oder ein Bub entwickelt, hängt weniger von seinem Geschlecht ab, sondern mehr davon, welche Chancen und Entwicklungsmöglichkeiten wir ihm bieten.

Dazu kommt, welches Vorbild wir als Frauen und Männer im Umgang miteinander vorleben. Damit das Leben unserer Kleinen in der Welt von morgen gelingt, bedarf es mehr denn je einer ausgewogenen Mischung von männlichen und weiblichen Kräften, innerhalb einer Person genau so wie in unseren Familien und im Ganzen der Gesellschaft. Nicht einseitige Abwertung oder Abgrenzung sind gefragt, sondern gegenseitige Wertschätzung und Ergänzung.

Unter diesem Gesichtspunkt schwindet die Bedeutung der Frage „Bub oder Mädchen?“ Entscheidender ist dann wohl doch: „Hauptsache, gesund!“

Zitate:

  • „Das Gehirn ist nicht nur ein Gefäß, das gefüllt werden muss, sondern ein Feuer, das gezündet werden will.“ (Plutarch)
  • „Je mehr wir in uns aufnehmen, umso größer wird unser geistiges Fassungsvermögen.“ (Seneca)
  • „Jedes Kind ist einzigartig und verfügt über einzigartige Potenziale zur Ausbildung eines komplexen, vielfach vernetzten und zeitlebens lernfähigen Gehirns.“ (Gerald Hüther)
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