Fantastisch – Wie Kinder die Welt sehen und erleben

Jean Piaget, der 1980 verstorbene Fachmann für Entwicklungspsychologie, hielt die sprudelnde Fantasie der Kinder für eine Fehlanpassung, die sich im Erwachsenenalter von selbst repariere. Heute wissen wir, dass Kinder nicht aus Unreife fantasieren. Die Fantasie gilt in der psychologischen Fachwelt als das wichtigste Werkzeug zur Weltaneignung und als jene Kraft, die uns erst zu Menschen macht. Sie ist eine kostbare Gabe, die sich von Jahr zu Jahr verfeinert und uns – hoffentlich – ein Leben lang begleitet.

Eine Reportage von Rudolf Liedl, erschienen in: Miteinander für die Kinder, 2012 Nr. 4, Seite 34ff.

„Du bist der Feuerdrache!“ Die klare Rollenzuweisung durch Thomas (Name frei erfunden) überrascht mich nicht. Dieses Spiel hat er in der Therapiestunde schon oft inszeniert, in vielen Variationen. Gleich geblieben ist, dass ich der gewaltige Feuerdrache bin und er eine vermeintlich schwache Kreatur: ein kleiner Hase, Käfer oder Zwerg, der das Unmögliche schafft und den Feuerdrachen besiegt.

Ich erinnere mich an die berühmte literarische Vorlage von David und Goliath. Das hält mich davon ab, den Fehler von Piaget zu wiederholen und die Fantasie von Thomas gering zu schätzen. Was für viele Erwachsene unvernünftig klingt, ist für ein 8-jähriges Kind wie Thomas ganz normal. Er denkt sich eine Geschichte aus, durchlebt sie und kommt dabei auf immer mehr Gedanken. Ein Einfall jagt den anderen und treibt die Spielhandlung voran. Das gibt Thomas die Möglichkeit, sich in verschiedene Rollen hineinzuversetzen, die damit verbundenen Gefühle zu erleben und auszuleben.

Fantasie als Lebensgrundlage

Früher hielt man diese kindlichen schauspielerischen Einlagen für rührend, aber bedeutungslos. Heute erkennen Psychologen darin ohne Übertreibung das Fundament unseres menschlichen Daseins: das Vermögen, sich in andere einzufühlen und Alternativen zur Realität abzuwägen. Dabei entwickeln sich sowohl Mitgefühl als auch Skepsis: Tatsächlich ist ja nicht alles so, wie es scheint, auch nicht die eigene Rolle in der Familie oder Schule. Im Rollenspiel fällt es Kindern leichter, jene Zuschreibungen zu verlassen, auf die sie im Alltag oft festgelegt werden, und zumindest die Vorstellung von einer anderen Identität zu entwickeln. Ein Erwachsener, der über eine berufliche Veränderung nachdenkt, macht im Grunde nichts Anderes als Thomas.

„Du kannst mich jetzt nicht sehen“, sagt der kleine Zwerg und erklärt mir auch, warum: „Immer, wenn ich auf einem Bein stehe, bin ich für dich unsichtbar.“ Ich kenne das. Thomas hat immer wieder Einfälle, die der Spielhandlung überraschende Wendungen geben, sei es, dass er sich jederzeit an einen anderen Ort beamen kann, dass er die Sprache der Tiere versteht, die ihn unterstützen, oder dass er Zaubersprüche erfindet, die ihm unbegrenzte Macht verleihen.

Unbegrenzte Möglichkeiten

Auch wir Erwachsenen nutzen und genießen das fantasievolle Spiel mit ungeahnten Möglichkeiten. Wenn wir Tagträumen nachhängen, ein Konzert besuchen, einen Krimi lesen oder den nächsten Urlaub planen, sind wir weit mehr in imaginären Welten zu Hause als in wirklichen. Wenn wir mit feuchten Augen oder rasendem Puls im Kinosaal sitzen, ist uns das bewusst. In anderen Situationen merken wir oft gar nicht, wie viel Fantasie dabei mitspielt. Und doch, selbst einfache Abläufe wie der Wochenendeinkauf, die Prüfung eines Job-Angebotes, die Spende für die Rettung des Regenwaldes oder der Umzug in eine andere Wohnung werden in Gedanken durchgespielt und mit Bildern und Emotionen verknüpft, die dann auch unsere Entscheidungen beeinflussen.

Ständig versetzen wir uns in andere Personen oder andere Situationen hinein, um unser privates wie berufliches Leben zu gestalten, unseren Platz im sozialen Gefüge zu finden und unsere Rolle zu spielen gemeinsam mit anderen. Und das ist gut so. Menschen mit wenig Fantasie schaffen es oft nicht, sich ausreichend in das gesellschaftliche Miteinander einzubringen und tragfähige soziale Kontakte aufzubauen. Und sie bringen es mangels Kreativität auch beruflich nicht so weit.

Angstmachende Fantasien

„Ich glaube, wenn ich groß bin, muss ich verhungern“, sagt Thomas zwischendurch. Solche Bemerkungen, die keinen unmittelbaren Zusammenhang mit dem Rollenspiel erkennen lassen, kommen vor. Ich frage nach und stoße auf eine Fantasie, die Thomas Angst macht. Er meint, er würde sicher nie einen Beruf bekommen und daher auch kein Geld verdienen. Ich weiß, dass sein Vater zurzeit auf Arbeitssuche ist und die Familie nicht gerade im Geld schwimmt, was die Angst von Thomas vermutlich nährt.

Ist einem Kind bewusst, dass seine Vorstellung Fantasie ist, kann es alleine oder mit Hilfe des Therapeuten die Regie darüber behalten: sich entweder vergewissern, dass wir ohnehin nur in einem Spiel sind, oder seine beunruhigende Fantasie in eine positive Richtung lenken.

Bei Thomas gelingt mir das im Moment nicht, weil er schnell wieder von seiner Zukunftsangst abweicht und zur ursprünglichen Spielhandlung zurückkehrt: „Wenn du über den Fluss willst, musst du dem Krokodil da drinnen tausend Euro bezahlen“, erfahre ich. Ich verhandle zwar mit dem Krokodil, um den Preis zu drücken, weiß aber schon aus früheren Begegnungen mit ihm, dass einmal fixierte Regeln selten abgeändert werden. Thomas legt im Spiel sehr genau fest, wo ich hinsteigen darf und wo nicht, was ich tun muss, um mich vor einem bösen Zauber zu schützen, welche Melodie ich auf dem Xylophon spielen muss, damit sich die Tür zu einer Höhle öffnet und vieles andere mehr.

Regeln, Rituale, Symbole

Die Rollenspiele der Kinder enthalten oft sehr genaue Regeln. Die Kinder zeigen dabei, wie wichtig ihnen die Einhaltung verbindlicher Absprachen ist, vor allem, wenn diese Form der Sicherheit im realen Leben fehlt. Das Leben in Gemeinschaft nach Regeln ist ein Wesenszug von uns Menschen, der die Zivilisation begründet. Auch der Umgang mit Ritualen gehört dazu. Wir Menschen können vieles gar nicht anders als in symbolischen Formen gestalten und verarbeiten. Ich denke an existenziell bedeutsame Situationen wie die Hochzeit eines Paares, die Taufe eines Kindes oder das Begräbnis eines Familienangehörigen. Aber auch der Ablauf einer Geburtstagsfeier, die Angelobung einer neuen Regierung, oder die Siegerehrungen im Sport sind rituell und symbolisch hoch aufgeladen.

Dass Rituale auch in der Bewältigung des Alltages eine Rolle spielen, merken Eltern vom Frühstück am Morgen bis zum Schlaflied am Abend. In keinem Fall geht es nur um die nüchterne Regelung von Abläufen, sondern um die Gestaltung von bedeutsamen Beziehungen, um die Versicherung von Zuneigung und das Erlebnis von Gemeinschaft. In solchen Momenten spielt die Sprache weit weniger Rolle als das symbolische Handeln, das auch in der Fantasie der Kinder Vorrang hat.

Kindern spielen mit dem sicheren Gespür dafür, dass ein Symbol mehr als tausend Worte sagt. Indem ich mich als Psychotherapeut auf das Spiel des Kindes einlasse, erfahre ich oft mehr als wenn ich dem Kind Fragen stellen würde. Deswegen achte ich mehr darauf, was Kinder tun, als was sie sagen. Auch für Eltern kann das Spiel eine gute Möglichkeit sein, ihr Kind besser kennen zu lernen. Dazu braucht es natürlich die Bereitschaft, die Fantasiewelt des Kindes ernst zu nehmen, sich darauf einzulassen und – wie im Fall von Thomas – auch mitzuspielen. Oft lassen mich Kinder im Spiel spüren, was sie nicht mit Worten ausdrücken können: zum Beispiel, wie es ihnen im täglichen Leben geht, wie ohnmächtig sie sind, wie schwierig es für sie ist, den vielen Erwartungen der Erwachsenen gerecht zu werden, und dergleichen mehr. In jedem Fall eine wertvolle Erkenntnis für mich als Therapeut, manchmal – ich gebe es zu – auch verwirrend.

Fantasie und Realität

Besonders brutale Fantasien von Kindern können Eltern verunsichern, müssen aber nicht unbedingt Anlass zur Sorge geben. Kinder können in der Regel sehr genau zwischen Fantasie und Realität unterscheiden. Sie reden offen darüber, was jetzt „im Spiel“ ist und was „in echt“. Im Spiel kann man natürlich getötet, aber auch wieder zum Leben erweckt werden. Die oftmalige „Tötung“ eines Stofftieres ist vielleicht nur die symbolische Überwindung einer Angst, der sich ein Kind nach und nach gewachsen fühlt.

Man muss solche Fantasie nicht gleich als Auswuchs jener Problematik sehen, die den Therapiebedarf des Kindes verursacht hat. Meist ist die kindliche Fantasie, selbst wenn sie uns Erwachsenen absurd oder abwegig erscheint, ein gesunder psychischer Anteil. Alle Kinder versenken sich im Alltag immer wieder in Als-ob-Szenarien. Im Handumdrehen werden einfache Dinge wie Holzklötze oder Steine zu Pferden, Fahrzeugen oder was auch immer. Der Fantasie sind – wie wir wissen – keine Grenzen gesetzt. Und fantasievolle Kinder sind keineswegs gestört oder dumm. Sie wissen genauso gut wie wir Erwachsenen, dass das, was sie sich im Kopf ausmalen, nicht die Realität ist. Trotzdem lieben sie es, fantasierend durch die Welt zu gehen.

Mithilfe ihrer Fantasie können sie objektive Wahrheiten oder scheinbar unverrückbare familiäre Strukturen außer Kraft setzen. Sie können sich Bilder ausdenken, die es in Wirklichkeit nicht gibt, aber auch realitätsbezogene Situationen vorstellen, die es nur jetzt nicht gibt, obwohl sie grundsätzlich möglich sind: zum Beispiel in einem Flugzeug zu fliegen oder mit einem Boot über das Meer zu segeln.

Besonders für kleine Kinder sind diese Vorstellungen Mittel und Wege, die oft verwirrende Welt zu erfassen, den vielen unbekannten Dingen Bedeutung zuzuschreiben. Mit ihrem bisweilen sogar magischen Denken versuchen sie, sich zu orientieren und Sicherheit zu gewinnen in einer immer mehr sich verzweigenden Welt. Für Jugendliche sind solche gedankliche Erkundungsausflüge wichtige Möglichkeiten im Dienst der Lebensplanung: sich vorzustellen, was jenseits der Grenzen der Realität möglich wäre, kann eine hohe Motivation für die Zukunft sein.

Mit dem Ende einer Spielepisode lösen sich die Fantasien wieder auf, und das Kind geht selbstverständlich in die Realität zurück. Der Übungsplatz der Menschwerdung, der nur durch das Tor der Fantasie betreten werden kann, wird wieder verlassen. Ein paar Momente davon werden hoffentlich nach Hause mitgenommen: vielleicht eine Spur mehr Selbstbewusstsein, die Idee zum besseren Umgang mit einer schwierigen Situation, oder auch nur die Freude an der eigenen Kreativität.

„Gehst du heute noch mit mir?“ Thomas weiß, dass ich nach ihm kein weiteres Therapiekind empfange. In diesem Fall habe ich ihn schon manchmal ein Stück auf dem Heimweg begleitet. So auch heute. Im Vorbeigehen kaufe ich uns beim Maronistand eine Tüte heißer duftender Edelkastanien, die wir gemeinsam verspeisen, während wir auf seinen Bus warten. Wer uns jetzt so sieht, merkt nichts von der kämpferischen Auseinandersetzung, die wir regelmäßig im Rollenspiel ausführen. Nur Thomas weiß, dass er in seiner Therapiestunde jederzeit darauf zurückgreifen kann. „Nächstes Mal spielen wir das wieder“, kündigt er begeistert an. Und mit einem Augenzwinkern: „Weißt eh, wer du dann wieder bist?“ Klar: Ich bin der Feuerdrache.

Sprichwörter:

„Wir sind, was wir denken. Alles, was wir sind, entsteht aus unseren Gedanken. Mit unseren Gedanken formen wir die Welt.“ (Buddha)

„Träumend plant der Geist seine eigene Wirklichkeit.“ (Søren Kierkegaard)

Fotos:

"Auf geht's, packen wir's!" - Kinder können in ihrer Fantasie viele Rollen durchleben.

„Auf geht’s, packen wir’s!“ – Kinder können in ihrer Fantasie viele Rollen durchleben.

in einem Karussel am Pariser Montmartre

„Attacke!“ – Kinder können in ihrer Fantasie viel Mut aufbauen.

in einem Karussel am Pariser Montmartre

„Ihre Majestät, die Königin kommt!“ – Kinder können in ihrer Fantasie viel Selbstbewusstsein tanken.

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